Exkurs Abwasserbehandlung

Die Geschichte der Flockung: Wie wir Wasser reinigen

Wasser– unser wertvollstes Gut, das uns tagtäglich begleitet. Es hilft beim Transport, reinigt Produkte und sorgt für saubere Prozesse in der Industrie. Doch wie genau schaffen wir es, dass verschmutztes Wasser wieder klar wird? Lassen Sie uns eintauchen in die faszinierende Welt der Abwasserbehandlung und die Grundlagen der Flockung entdecken

Die unsichtbare Barriere: Van-der-Waals-Kräfte

Stellen Sie sich vor, Sie halten zwei Magneten in der Hand und versuchen, sie mit der gleichen Polung zusammenzuführen. Sie spüren, wie sich die Magneten abstoßen, oder? Ein ähnliches Phänomen passiert im Wasser, aber auf mikroskopischer Ebene. Geladene Teilchen im Wasser, sogenannte Kolloide, stoßen sich aufgrund der Van-der-Waals-Kräfte ab. Diese Kräfte erzeugen eine Art „Wasserhülle“ um die Teilchen und verhindern, dass sie sich verbinden und absinken. Das Ergebnis? Eine Trübung im Wasser, die sich nur schwer beseitigen lässt. Aber wir müssen nicht machtlos zusehen– wir können eingreifen!

Die Lösung: Flockungsmittel

Umdie abstoßenden Kräfte zu überwinden, kommen sogenannte Flockungsmittel zum Einsatz. Diese Substanzen helfen uns, die geladenen Teilchen im Wasser zu neutralisieren und sie zu größeren Flocken zusammenzubringen, die sich leicht absetzen lassen. Es gibt verschiedene Arten von Flockungsmitteln, die jeweils auf spezielle Herausforderungen abgestimmt sind:

● Organische Flockungshilfsmittel wie synthetische wasserlösliche Polyacrylamide (anionisch, nichtionisch, kationisch) und stärke-basierte Flockungsmittel (anionisch, kationisch).

● Anorganische Flockungsmittel wie Eisen- und Aluminiumsalze oder Kalkmilch (Calciumhydroxid mit Wasser).

Diese Mittel helfen nicht nur, die winzigen Partikel zu größeren Flocken zusammenzuführen, sondern spielen auch eine wichtige Rolle bei der Verdichtung und Entwässerung von Schlämmen.

Flockungshilfsmittel und Flockungsmittel: Ein Team mit klaren Aufgaben

Man unterscheidet in der Flockung zwei Hauptakteure:

1. Flockungshilfsmittel: Diese Mittel bilden selbst keine Flocken, sondern helfen dabei, kleine Mikroflocken zu größeren, absetzbaren Flocken zusammenzuführen. Gleichzeitig unterstützen sie die Freisetzung von Wasser in Schlämmen, was bei der Eindickung und Entwässerung von Schlamm besonders wichtig ist.

2. Flockungsmittel: Sie übernehmen die primäre Aufgabe der Flockung. Diese Mittel, oft auf Basis von Aluminium- oder Eisensalzen, neutralisieren die negativ geladenen Teilchen im Wasser. Dieser Prozess, auch Koagulation genannt, führt dazu, dass sich die Partikel zu größeren Flocken zusammenfinden und sich leichter absetzen lassen.

 

Beispiele für Flockungsmittel: Von Polyacrylamiden bis Stärke

Ein bekanntes Beispiel für Flockungsmittel ist Polyacrylamid. Es handelt sich dabei um ein synthetisches Polymer, das durch Modifikation zu kationischen oder anionischen Varianten weiterentwickelt wird. Besonders anionische Polyacrylamide, die aus Acrylamid-Acrylsäure-Co-Polymeren bestehen, sind gängige Flockungsmittel. 

Eine umweltfreundlichere Alternative sind stärke-basierte, funktionalisierte Flockungsmittel wie Carboxymethylstärke. Diese wird durch die chemische Reaktion von Stärke mit bestimmten Säuren hergestellt und ist nicht nur biologisch abbaubar, sondern wird auch von Umweltbehörden positiv bewertet.

Vor- und Nachteile der Flockungsmittel

Wie bei allen chemischen Lösungen gibt es auch bei Flockungsmitteln Vor- und Nachteile, die es zu beachten gilt:

Anionische Polyacrylamide:

Vorteile:

  • Große Auswahl an Produkten mit variabler Ladungsdichte.
  • Anpassung des Molekulargewichts möglich. 
  • Geringer Verbrauch und damit niedrige Kosten.
  • Hohe Stabilität gegenüber Scherkräften.

 Nachteile: 

  • Umweltbedenken bei langfristiger Betrachtung.
  • Unklare Langzeiteffekte auf die Umwelt, da viele Annahmen noch auf Vermutungen basieren.
  • Zwarbiologisch abbaubar, aber nicht vollständig unproblematisch.

Stärke-basierte Flockungsmittel:

Vorteile:

  • Anpassbare Ladungsdichte und Molekulargewicht.
  • Positive Umweltbewertung durch Behörden.
  • Schnelle und vollständige biologische Abbaubarkeit.

Nachteile:

  • Geringere Scherstabilität.
  • Höherer Verbrauch und damit höhere Kosten.
  • Auchhier unklare Langzeitauswirkungen.

Die perfekte Flocke: Dichte versus Oberfläche

Abschließend lässt sich sagen: Je kompakter die Flocke, desto dichter ist sie und desto besser lässt sie sich vom Wasser trennen. Kompakte Flocken haben eine kleinere Oberfläche im Verhältnis zum Volumen, was die abstoßenden Kräfte zwischen den Partikeln minimiert. Sind die Flocken jedoch klein und locker, überwiegen die Oberflächenphänomene, die zu einer stärkeren Abstoßung führen. Dies verhindert ein effektives Sedimentieren und erschwert den Reinigungsprozess. 

Die Kunst der Flockung besteht also darin, die richtige Balance zwischen Verdichtung und Oberflächenkontrolle zu finden. Dank der cleveren Auswahl von Flockungsmitteln und Flockungshilfsmitteln können wir unser Wasser effizient reinigen– und so einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Nutzung dieses wertvollen Elements leisten.